Historischer Abriß

Die menschenunwürdigen Arbeitsverhältnisse der frühen Industrialisierung und das Vertrauen des mechanistischen Weltbilds des 19. Jahrhunderts in die Herstellbarkeit von gewünschten „guten“ Verhältnissen durch planerischen Eingriff legten es nahe, hinsichtlich der Arbeitswelt eine eigene Wissenschaftsdiziplin zu begründen.

jastrebowski
W. B. Jastrzebowski (1799 – 1882)

Bereits 1857 machte der Pole Jastrzebowski in der Zeitschrift „Natur und Industrie“ den Vorschlag:

„…uns mit einem wissenschaftlichen Ansatz zum Problem der Arbeit zu beschäftigen und sogar zu ihrer (der Arbeit) Erklärung eine gesonderte Lehre zu betreiben…, damit wir aus diesem Leben die besten Früchte bei der geringsten Anstrengung mit der höchsten Befriedigung für das eigene und das allgemeine Wohl ernten und damit anderen und dem eigenen Gewissen gegenüber gerecht verfahren.“

 

Er nannte diesen neuen Wissenschaftszweig „Arbeitswissenschaft“ bzw. „Ergonomie“, eine Bezeichnung, die in der Folgezeit allerdings wieder in Vergessenheit geriet.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts können viele Aktivitäten in verschiedenen Ländern beobachtet werden, die eine wissenschaftliche Betrachtung menschlicher Arbeit zum Gegenstand hatten. Gemäß dem herrschenden wissenschaftlichen Weltbild hielt man es insbesondere für möglich, Regeln aus der klassischen Physik auf alle Erscheinungen der Natur und damit auch auf die des menschlichen Lebens zu übertragen (siehe hierzu verschiedene Arbeiten von Releaux und die Psychophysik von Fechner). In den verschiedenen Ländern Europas und in den USA entstand so ein Wissenschaftsgebiet, das heute im deutschsprachigen Raum unter dem Begriff „Arbeitswissenschaft“ zusammengefaßt wird (im Angloamerikanischen bürgerte sich die Bezeichnung „human factors“ bzw. „human engineering“ ein, speziell im europäischen Raum auch „ergonomics“, s. u.).

In Deutschland wurde 1912 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Arbeitsphysiologie in Berlin unter Atzler und 1926 das Institut für forstliche Arbeitswissenschaft unter Hilf eingerichtet. Der 1924 gegründete Reichsausschuß für Arbeitszeitermittlung (REFA, ab 1936: Reichsausschuß für Arbeitsstudien; ab 1948 Verband für Arbeitsstudien REFA e.V.) machte es sich ursprünglich zur Aufgabe, die Methoden der wissenschaftlichen Betriebsführung Taylors (Zeit- und Bewegungsstudien, differentielles Entlohnungssystem) an deutsche Verhältnisse anzupassen und hier einzuführen.
1949 wurde in England von Murrell das aus den altgriechischen Worten (ergon = Arbeit und nomos = Gesetz, Gesetzmäßigkeit) zusammengesetzte Kunstwort „Ergonomie“ „wiedererfunden“. Von dieser Zeit an fanden in den verschiedenen europäischen Ländern aber auch in außereuropäischen Ländern Gründungen wissenschaftlicher Gesellschaften dieses Namens (in Deutschland 1953: „Gesellschaft für Arbeitswissenschaft, GfA“) statt. 1959 wurden sie unter dem Dach der International Ergonomic Association (IEA) zusammengefaßt.

Das Kaiser-Wilhelm-Insitut für Arbeitsphysiologie siedelte später nach Dortmund über und wurde nach dem 2. Weltkrieg als Max-Plank-Institut für Arbeitsphysiologie eine wesentliche Quelle für die Besetzung der in den 60er Jahren an vielen Technischen Hochschulen gegründeten arbeitswissenschaftlichen Lehrstühle. Die damalige TH-München richtete 1962 das Institut für Ergonomie zusammen mit dem Institut für Arbeitsphysiologie ein. Das von Anfang an von Prof. Dr. H. Schmidtke geleitete Institut für Ergonomie wurde 1990 mit letzterem fusioniert und als Lehrstuhl für Ergonomie im Institut für Produktionstechnik in der Fakultät für Maschinenwesen der TUM angesiedelt. 1993 übernahm Prof. Dr. H. Bubb die Leitung des Lehrstuhls.

Quelle: https://www.mw.tum.de/lfe/lehrstuhl/was-ist-ergonomie
(überarbeitet durch Jeretzky, Fa.Rückenwind)